Es ist Advent, die Zeit des Wartens.
Warten ist mir verhasst. Ich kann es nicht und ich will es auch nicht. Und doch ist mein Leben davon bestimmt.
Ich warte nachts auf erholsamen Schlaf und angnehme Träume. Ich warte morgens auf die Maschine, die erst aufheizen muss, bevor ich meinen Kaffee bekomme. Ich warte bis das Bad frei wird. Ich warte auf meinen Sohn, der nur noch mal eben den Augenblick genießt. Ich warte, dass endlich Ruhe einkehrt im Haus. Ich warte, dass alle nach Hause kommen, während das Essen im Topf wartet, endlich verspeist zu werden. Ich warte auf die Internetseite, die sich gerade wieder einmal extrem langsam aufbaut. Ich warte auf den versprochenen Anruf eines Freundes. Ich warte darauf, dass mein Sohn einschläft. Ich warte auf meinen Mann. Ich warte auf den Schlaf, der nicht kommen will; mein Geist hält fest am hier und jetzt. Ich warte...
Vergeudete Zeit, verhasste Gefühle, verschwendete Energie. Wieso tue ich mir das an? Ich beneide die Hirten auf dem Felde, denen der Engel plötzlich erschien. Ich beneide die Freundin um die SMS: "Ich bin gerade scharf auf dich...". Auch ich hätte alles stehen und liegen lassen, kein Weg wäre mir zu weit gewesen, um dieses Jetzt zu genießen. Ich freue mich, wenn es am Fenster klopft und mich ein unerewarteter Besucher von meinen Routinen abbringt Ich freue mich an einem schönen Tag, diesen zu planen und zu erwarten ist Qual.
Da halte ich es mit Gitte Henning: "Ich will alles und zwar sofort." Mein Horoskop, das mir ein Bekannter zum Geburtstag schenkte, erwischte mich diesbezüglich eiskalt: "Man wird nie erfahren welches Potential in Ihnen steckt, da sie nie lange genug an einem Ort verweilen." Was tun?, sprach Zeus, sprech ich und weiß doch schon die Antwort.
Lebe den Augenblick, sei ein Kind. Und denke an die schönen Momente, die unverhofft dein Leben bereichert haben. Es funktioniert nicht. Ich will nicht noch mal zwanzig sein, denn all die Prüfungen und Proben, die ich bestehen musste, will ich nicht wiederholen. So gerne ich aber in jenem Moment lebte, so ungern würde ich tauschen mit dem Kind, das all seine Lebenserfahrung noch sammeln muss. Was bleibt?
Werde wie ein Kind, so hat es Jesus einmal formuliert. Das heißt, ich darf meine Erfahrung behalten und muss nur meine Hemmungen und äußeren Zwänge über Bord werfen, dann kann ich hier und jetzt das Leben spüren mit allem, was es ausmacht. Das heißt aber auch Enttäuschungen und Freuden vergessen; mir selbst genug sein; andere um Hilfe bitten, wenn ich nicht weiter komme. Und es heißt wohl auch nervig sein, denn wenn man selbst zum Mittelpunkt wird, dann können sich andere schon mal in ihrer Freiheit bescchränkt fühlen. Doch das darf ich dann ja kindlich naiv abgeben; schließlich sind es die anderen, die einem Kind die Grenzen aufzeigen. Und es heißt auch, ein echtes Leben zu führen, ohne Sarkasmus und Ironie, denn die sind Kindern fremd.
Wie das sein kann? Ich weiß es nicht. Ob es je sein wird? Ich weiß es nicht. Aber ADVENT - er, sie, es kommt an. Vielleicht hilft dieser Blickwinkel. Es ist wohl weniger die Zeit des Wartens, sondern die Zeit der Erfüllung und des Erfülltwerdens. Wenn ich nun warte auf die Erfüllung, ist das wohl wieder falsch. Doch ich kann und will jetzt und sofort im Augenblick die Erfüllung entdecken und erspüren. Vielleicht klappt's und ich spüre ADVENT!!!
Was erwartet der Mensch, in diesem Fall also meine Winzigkeit, vom Leben?
Zufriedenheit ist wohl das mindeste. Glücklichsein schon die Steigerung des Wunsches. Euphorie ein bisschen viel verlangt.
Was habe ich? Zufriedene Tage, glückliche Stunden, euphorische Momente. Also ist doch alles gut. NEIN! schreit meine innere Stimme, denn heute sehe ich nicht, was ich habe und, was ich mir wünsche bleibt ein Traumgespinst, denn ich fühle nicht, was ich erlebe.
Selektiv steuert mein Hirn mein Empfinden, macht klein, was gut hätte werden können, zieht in Zweifel, was wahrscheinlich anders gemeint war. Ein hingesagtes Wort liegt zentnerschwer auf meiner inneren Goldwaage, eine unbedachte Geste wird sinnschwanger auf ihre negative Energie beäugt, ein schöner Moment wird in den Zusammenhang der Stunde gestellt in der er passierte und verliert an Glanz. Diese Sicht ist ungerecht gegen den mit dem ich Zeit verbrachte und sie ist unfair gegen mich selbst.
Doch sie ist heute so. Daran ändert nicht, dass ich körperlich begehrt, intelektuell gefordert und emotional gebraucht wurde. Es gibt solche Tage, sie nicht überzubewerten, ist mein Wunsch. Sie bald anders zu erinnern, wäre Glück. Zu erfahren, dass Andere, die sie mit mir erlebt haben, sie anders spüren, wäre Grund genug für Euphorie.
Wenn wir zu viel wollen, ist das unser Untergang, so ist meine Erfahrung. Wobei die Untergänge nicht immer mit Haut und Haaren stattfinden. Je nach Auslastung und Anforderungen, die ich mir gesetzt habe, oder die in mich gesetzt wurden, erleide ich unterschiedlich Schiffbruch. Manchmal reicht ein Tag Entspannung, um wieder zu Kräften zu kommen. Manchmal sind Streitereien die Folge, die viel Glas zerstören und deren Scherbenhaufen lange brauchen, bis sie restlos aufgekehrt sind.
Wie passt das zusammen mit dem, was meine Kindheit und Jugendzeit geprägt hat? Goethes Zitat "Wer immer strebend sich bemüht, DEN werden wir erlösen"; war Erziehungsmaxime, Maßstab meines Handelns und Wollens. Heute verwundert es mich nicht, dass ich diesem Druck nicht standgehalten habe, ja, nicht standhalten konnte.
So suchte und suche ich andere Werte. "Weniger ist mehr"; "Errare humanum est" = "Nobody is perfect"; "Der Weg ist das Ziel"; das sind Sätze, die mir heute mehr bedeuten sollten. Noch ist, rein biologisch, der Zeitraum meines Lebens länger, der mich hat streben lassen, doch hoffe ich, dass mir diese Werte im Laufe der Zeit zu eigen werden.
Ob es wertvollere Maxime sind, wird die Zukunft zeigen.
Leben ist anstrengend, intensiv, schön und schauerlich zugleich. Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang: Testen, prüfen, versagen, gewinnen. Jede Versuchsreihe führt zu anderen Ergebnissen. Leben heißt, mit Höhen und Tiefen umgehen zu müssen. Leben heißt, heute noch nicht alle Antworten zu haben. Es gibt aber immer noch eine Alternative: den Tod.
Leben bedeutet aber auch schöne Momente erleben zu können. Ein Lächeln, ein freundliches Wort, Höhepunkte und das Wunder des eigenen Körpers. Das bietet der Tod nicht. Es sei denn man erwartet Jungfrauen im Paradies, aber ist die Vorstellung, diesen unerfahrenen Dinger erst in dir Kunst des Liebens und Verwöhnens beibringen zu müssen, wirklich erstrebenswert? Für mich nicht. Da bevorzuge ich das irdische Fleisch und Blut in all seinen Unzulänglichkeiten.
Und der TOD? Er ist das unvermeidliche Ende, das jeden von uns erwartet. Er bedeutet mir Freiheit und Unbeschwertheit, aber eben auch Ende, Ende neue Erfahrungen zu sammeln. Ende stolz sein zu können, dass ich wieder um eine Erfahrung reicher geworden bin. Ende von Freundschaften, Ende von Genuss.
Dieses Ende selber herbeizuführen ist zwar tabu, doch der Gedanke allein ist verführerisch, wenn ich mir mal wieder zu viel aufgeladen habe, oder mir zu viel aufgeladen wurde. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: wenn ich mir mein Versagen eingestehen muss, weil ich schon wieder meine Kräfte falsch eingeschätzt habe. Oder, wenn andere mich zum Zusammenbruch bringen. Es bleibt der fade Geschmack des eigenen Versagens.
Und doch, sage ich heute: Ich werde leben. Der Tod muss warten. Ich habe noch zu viel vor.
Sollte er jedoch an meine Tür klopfen, werde ich mit ihm gehen; nicht nur, weil mir nichts anderes übrig bleibt, sondern weil ich ihm die Weisheit zutraue, dass er weiß, wann der richtige Zeitpunkt ist.